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Auf dem Gut des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei den Nachbarn, seine Herden waren als kerngesund in der ganzen Landschaft bekannt, Fehljahre, welche Andere niederdrückten, hatten ihm verhältnißmäßig wenig geschadet; jetzt war das alles wie durch bösen Zauber verändert. In der Rinderherde bracht eine pestartige Krankheit aus, das Getreide stand hoch im Feld, und als die Garben in der Scheuer zerschlagen wurden, waren der Scheffel nur wenige, die er aufschütten konnte. Ueberall war sein Anschlag größer gewesen als der Ertrag. Zu anderer Zeit hätte er's ruhig überwunden, jetzt machte ihn das krank. Die Ackerwirthschaft wurde ihm verhaßt, er überließ sie ganz dem Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er seine Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rüben zu sehen, auf deren Bau er im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt hatte.

Hinter den Bäumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebäude. Viele Stimmen geschäftiger Menschen schrieen um den neuen Bau durcheinander. Die erste Rübenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten aufgeschüttet. Mit dem nächsten Tage sollten die regelmäßige Arbeiten in der Fabrik beginnen. Noch immer hämmerte drin der Kupferschmied, an der großen Presse arbeitete der Mechaniker, und emsige Frauen trugen Körbe von Spänen und Kalkbrocken aus den Mauern und säuberten mit Scheuerlappen die Stätte, in der sie fortan handlangen sollten. Der Freiherr stand vor dem Hause; er hörte ungeduldig auf das Klopfen der Hämmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzögert hatten. Von morgen begann für ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte seines Schatzhauses. Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen, in den nächsten Jahren zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann sammelte er Geld. Und während er so dachte, sah er auf seine abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des alten Amtmanns, und eine unbestimmte Furcht schlich wie ein häßliches Insect über die unruhig flatternden Blätter seiner Gedanken. Er hatte Alles auf diesen Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, daß er sich in diesem Augenblick fragen konnte, wie viel davon noch ihm selbst gehöre  - Alles, um durch den erhärteten Saft der Ackerfrucht den Wappenschild seines Geschlechts höher zu stellen. Hüte dich, Freiherr! Und wenn du die weißen Krystalle härtest, daß sie klingen wie Stein, sie halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerfließen im Regen, sie verwittern in der Luft, und was du darauf gegründet, das stürzt in Trümmer.

Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein Anderer geworden. Falten auf der Stirn, zwei mürrische Falten um den Mund und graues Harr an den Schläfen, das waren die ersten Folgen der ewigen Sorge um Capital, um die Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die sonst kräftig aus der Brust geklungen hatte, war scharf und heiser geworden, und eine zornige Hast war in seinen Geberden. Schwere Sorge hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt. Was bei einem großen Bau Mangel an Geld heißt, das Elend hatte er gründlich kennen gelernt. Ehrenthal war jetzt ein regelmäßiger Besucher des Schlosses,. Seine Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und Rechnungen gebracht oder Cassenscheine aufgezählt. Seine Hand, die im Anfange so ehrerbietig nach der Tasche griff, war säumig geworden, und nur langsam lösten sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein gebeugter Hals war steif, sein unterwürfiges Lächeln hatte sich in einen trockenen Gruß verwandelt, er schritt jetzt mit prüfendem Blick durch den Wirthschaftshof, und statt der feurigen Lobrede kam mancher Tadel aus seinem Munde. Der demütige Agent war zum anspruchsvollen Gläubiger herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer steigendem Widerwillen die Ansprüche eines Mannes, den er nicht mehr entberhen konnte. Aber nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an das Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen. Die breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem Gasthof des Dorfes auf das Schloß, und jedes Mal, wenn sein schwerer Fuß die Stufen betrat, zog hinter ihm der Mißmuth in das Haus.

Alle vier Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschäftsmann. Er war verreist, hieß es in der Stadt, und unruhig hörte der Freiherr auf das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den Verhaßten, Unentbehrlichen.

Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von vollen Formen und hohem Wuchs; daß auch sie von dem Ernst des Lebens berührt war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn warf. "Der Bote bringt die Postsachen," sagte sie, ein Packet Briefe und Zeitungen überreichend. "Es ist gewiß wieder kein Brief von Eugen dabei."

"Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben," antwortete der Vater, aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerückt war. Es war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, überfiel ihn wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, daß seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren. Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demüthigten ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der Brief aber Nachrichten von Eugen enthielgt, so zwang er sich endlich zu sprechen. "Da hat mir ein Herr Wohlfahrt geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat."

"Er?" rief Lenore.

"Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein," fuhr der Freiherr mit Ueberwindung fort. "Er spricht mit Wärme von Eugen."

"Ja!" rief Lenore erfreut, "was gewissenhaft und zuverlässig heißt, das lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?"

"Geschäftliches, was wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von wesentlichem Nutzen sein kann. Die thörichten Knaben haben irgend ein Geschwätz aus dritter Hand gehört und haben sich um meine Angelegenheiten unnöthige Sorge gemacht." Und schwerfällig schritt er nach diesen Worten zu seienr Fabrik.