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Glücklich der Fuß, welcher über weite Flächen des eigenen Grundes schreitet; glücklich das Haupt, welches die Kraft der grünenden Natur einem verständigen Willen zu unterwerfen weiß! Alles, was den Menschen stark, gesund und gut macht, das ist dem Landwirth zu Theil geworden. Sein Leben ist ein unaufhörlicher Kampf, ein endloser Sieg. Ihm stählt die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm zwingt die uralte Ordnung der Natur auch die Gedankern zu geordnetem Lauf. Er ist der Priester, welcher Betändigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden eines Volkes, zu hüten hat. Wenn andere Arten nützlicher Thätigkeit veralten, die seine ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere Arbeit den Menschen in enge Mauern einschließt, in die Tiefen der Erde oder zwischen die Holzplanken des Schiffes, sein Blick hat nur zwei Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den festen Grund. Ihm wird die höchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl von der Natur fordert, Pflanze und Thier, das wächst unter seiner Hand zu eigenem frohen Leben auf. Auch dem Städter ist die grüne Saat und die goldene Halmfrucht des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppierende Füllen, Waldesgrün und Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber kräftiger, stolzer, edler ist das Behagen des Mannes, der mit dem Bewußtsein über seine Flur schreitet, dies alles ist mein, meine Kraft erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in mühelosem Genuß betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhält. An jeden Blick knüpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding hat für ihn einen Zweck, denn Alles, das fruchtbare Feld, das Thier und der Mensch soll Neues schaffen nach seinem Willen, dem Willes des Gebieters. Die tägliche Arbeit ist sein Genuß, und in diesem Genusse wächst seine Kraft. - So lebt der Mann, welcher selbst der arbeitsame Wirth seines Gutes ist.

 

Und dreimal glücklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehre Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur geführt ist. Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle Culturpflanzen breiten ihre Blätter in üppiger Pracht, auf den Stengeln bräunen sich große Dolden und körnerreiche Schoten, und unten in der Erde rundet sich mächtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo sich kunstvolle Industrie auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehen die abenteuerlichen Gestalten der Maschinen nach dem Wirthschaftshof, der ungeheure Kupferkessel fährt mit Blumen bekränzt heran, große Räder mit hundert Zähnen drehen sich gehorsam im Kreise, lange Röhren verschlingen sich in den neugebauten Räumen, und die mechanischen Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie erblüht aus der Kraft des Bodens und vergrößert wieder diese Kraft. Wo der eigene Grund des gutes seine Früchte der Fabrik reichlich spendet, da arbeiten im Freien die uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue Dampfkessel brüderlich mit einander, um ihren Herrn reicher zu machen, stattlicher und weiser. So lange er nur die alten Halmfrüchte baute, die grüne Nahrung der Thiere und die runde Knollenfrucht, waren die Preise auf dem nächsten Wochenmarkt vielleicht das, was ihn in der fremden Welt am meisten interessirte, und wenn der Bauer im Dorf gegen ihn auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der größte Aerger. Und mit abschließendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die blaue Ferne hinein das geschäftige Treiben der großen Städte, in die verwickelten Verhältnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind. Jetzt steht er selbst mitten zwischen den Rädern des modernen Schaffens, er beobachtet viele Strömungen des menschlichen Geistes auch außerhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens lernt er kennen und viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Maßstab für den Werth des Mannes, jetzt wo er das Gewühl des Marktes, das Arbeitszimmer des Gelehrten auch für sich braucht. Er knüpft seine Fäden an Leute von anderm Beruf, und Fremde freuen sich, ihmn die Hand zu reichen und ihren Vortheil mit dem seinen zu verbinden. Immer größer werden die Kreise, in welche ihn sein Interesse zieht, immer mächtiger der Einfluß, den er auf Andere gewinnt.

Neben dem ländlichen Tagelöhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer Menschen seine Hütten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen und Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. In starker Zunahme wächst die Kraft seiner Landschaft, der Werth des Bodens steigt von Jahr zu Jahr, die lockende Aufforderung zu größerem Erwerb treibt auch den zähen Bauer aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte Feldweg wird zur Chaussee, der sumpfige Graben zum Canal. Zwischen den Getreifefeldern fahren die Reihen der Frachtwagen entlang, auf wüsten Stellen erheben sich die rothen Dächer neuer Wohnungen; der Briefbote, der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche durch die Fluren trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von Briefen und Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhält, um der jungen Frau, die mit ihrem Manne von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimat zu bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der Thür reicht, und erzählt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem Dorf zum andern in der heißen Sonne geworden. Dann erwacht auch die Begehrlichkeit, die kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des Schneiders hat viel an neuen Stoffen zu nähen, zwischen den Bauerhäusern stellt der kleine Kaufmann seinen Kram auf, der legt seine Citronen an das Schaufenster, den Tabak in schönen Packeten, und lockende Flaschen mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den Dörfern klagen über die Menge der Schüler; ein zweites Schulhaus wird gebaut, eine höhere Classe eingerichtet; in einem Schrank seiner Wohnstube legt der Lehrer die erste Leihbibliothek an, und der Buchhändler in der Stadt übergibt ihm neue Bücher zum Verkauf. - So wird das Leben des starken Landwirths ein Segen für die Umgegend, für das ganze Land.

Wehe aber dem Landiwrth, dem der Grund unter den Füßen fremden Gewalten verfällt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die Ansprüche zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die Geister der Natur gönnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und sicher gegenüber steht, sie empören sich, wo sie Schwäche, Eile und halben Muth ahnen. Keine Arbeit wird mehr zum Heil. Die gelbe Blüthe der Oelsaat und die blaue Blume des Flachses vertrocknen ohne Frucht, Rost und Brand fallen über das Getreide, in tötlichem Faulfieber schwindet der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an Gehorsam gewöhnt, wissen so bitter jede Nachlässigkeit zu strafen. Dann wird für den Herrn der tägliche Gang durch die Felder ein täglicher Fluch; wenn die Lerche aus dem Roggen aufsteigt, muß er denken, daß die Frucht schon auf dem Halme verkauft ist; wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den Ställen fährt, weiß er, daß der Ertrag von Milch und Fleisch schon von fremden Gläubigern gefordert ist, und er muß zweifeln, ob die Fruchtbarkeit, welche seinem Acker durch das Wiederkäuen der eßlustigen Thiere im nächsten Jahr kommen soll, noch ihm selbst zum Vortheil werden wird. Finster, mürrisch, verzweifelt kehrt er nach dem Hofe zurück. Leicht wird er dann seiner Wirthschaft und den Feldern fremd, er sucht jenseit seiner Flur den lästigen Gedanken zu entfliehen, und durch die Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten könnte, ein vollständiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm unerträglich.

Und dreimal wehe dem Landwirth, der übereilt in unverständigem Gelüst die schwarze Kunst des Dampfes über seine Schollen führt, um Kräfte aus ihnen hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der härteste Fluch, der Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwächer, er macht auch viele Andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben gebunden hat. In dem Schwunge der Räder, die er vorwitzig in seinem Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in seiner Wirthschaft noch unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in fruchtlosen Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikuhren, seine ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Nöthige schuf, wuchert jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist hineingezogen in den Wirbel lästiger Geschäfte, wie brausende Wellen stürzen die Forderungen auf ihn herein, im verzweifelten Kampf, ein Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hilfe bei Allem, was in den Bereich seiner Hände kommt, und ermattet vom fruchtlosen Ringen sinkt er hinab in die Tiefe.


Auf dem Gut des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei den Nachbarn, seine Herden waren als kerngesund in der ganzen Landschaft bekannt, Fehljahre, welche Andere niederdrückten, hatten ihm verhältnißmäßig wenig geschadet; jetzt war das alles wie durch bösen Zauber verändert. In der Rinderherde bracht eine pestartige Krankheit aus, das Getreide stand hoch im Feld, und als die Garben in der Scheuer zerschlagen wurden, waren der Scheffel nur wenige, die er aufschütten konnte. Ueberall war sein Anschlag größer gewesen als der Ertrag. Zu anderer Zeit hätte er's ruhig überwunden, jetzt machte ihn das krank. Die Ackerwirthschaft wurde ihm verhaßt, er überließ sie ganz dem Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er seine Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rüben zu sehen, auf deren Bau er im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt hatte.

Hinter den Bäumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebäude. Viele Stimmen geschäftiger Menschen schrieen um den neuen Bau durcheinander. Die erste Rübenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten aufgeschüttet. Mit dem nächsten Tage sollten die regelmäßige Arbeiten in der Fabrik beginnen. Noch immer hämmerte drin der Kupferschmied, an der großen Presse arbeitete der Mechaniker, und emsige Frauen trugen Körbe von Spänen und Kalkbrocken aus den Mauern und säuberten mit Scheuerlappen die Stätte, in der sie fortan handlangen sollten. Der Freiherr stand vor dem Hause; er hörte ungeduldig auf das Klopfen der Hämmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzögert hatten. Von morgen begann für ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte seines Schatzhauses. Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen, in den nächsten Jahren zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann sammelte er Geld. Und während er so dachte, sah er auf seine abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des alten Amtmanns, und eine unbestimmte Furcht schlich wie ein häßliches Insect über die unruhig flatternden Blätter seiner Gedanken. Er hatte Alles auf diesen Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, daß er sich in diesem Augenblick fragen konnte, wie viel davon noch ihm selbst gehöre  - Alles, um durch den erhärteten Saft der Ackerfrucht den Wappenschild seines Geschlechts höher zu stellen. Hüte dich, Freiherr! Und wenn du die weißen Krystalle härtest, daß sie klingen wie Stein, sie halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerfließen im Regen, sie verwittern in der Luft, und was du darauf gegründet, das stürzt in Trümmer.

Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein Anderer geworden. Falten auf der Stirn, zwei mürrische Falten um den Mund und graues Harr an den Schläfen, das waren die ersten Folgen der ewigen Sorge um Capital, um die Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die sonst kräftig aus der Brust geklungen hatte, war scharf und heiser geworden, und eine zornige Hast war in seinen Geberden. Schwere Sorge hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt. Was bei einem großen Bau Mangel an Geld heißt, das Elend hatte er gründlich kennen gelernt. Ehrenthal war jetzt ein regelmäßiger Besucher des Schlosses,. Seine Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und Rechnungen gebracht oder Cassenscheine aufgezählt. Seine Hand, die im Anfange so ehrerbietig nach der Tasche griff, war säumig geworden, und nur langsam lösten sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein gebeugter Hals war steif, sein unterwürfiges Lächeln hatte sich in einen trockenen Gruß verwandelt, er schritt jetzt mit prüfendem Blick durch den Wirthschaftshof, und statt der feurigen Lobrede kam mancher Tadel aus seinem Munde. Der demütige Agent war zum anspruchsvollen Gläubiger herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer steigendem Widerwillen die Ansprüche eines Mannes, den er nicht mehr entberhen konnte. Aber nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an das Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen. Die breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem Gasthof des Dorfes auf das Schloß, und jedes Mal, wenn sein schwerer Fuß die Stufen betrat, zog hinter ihm der Mißmuth in das Haus.

Alle vier Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschäftsmann. Er war verreist, hieß es in der Stadt, und unruhig hörte der Freiherr auf das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den Verhaßten, Unentbehrlichen.

Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von vollen Formen und hohem Wuchs; daß auch sie von dem Ernst des Lebens berührt war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn warf. "Der Bote bringt die Postsachen," sagte sie, ein Packet Briefe und Zeitungen überreichend. "Es ist gewiß wieder kein Brief von Eugen dabei."

"Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben," antwortete der Vater, aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerückt war. Es war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, überfiel ihn wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, daß seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren. Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demüthigten ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der Brief aber Nachrichten von Eugen enthielgt, so zwang er sich endlich zu sprechen. "Da hat mir ein Herr Wohlfahrt geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat."

"Er?" rief Lenore.

"Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein," fuhr der Freiherr mit Ueberwindung fort. "Er spricht mit Wärme von Eugen."

"Ja!" rief Lenore erfreut, "was gewissenhaft und zuverlässig heißt, das lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?"

"Geschäftliches, was wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von wesentlichem Nutzen sein kann. Die thörichten Knaben haben irgend ein Geschwätz aus dritter Hand gehört und haben sich um meine Angelegenheiten unnöthige Sorge gemacht." Und schwerfällig schritt er nach diesen Worten zu seienr Fabrik.


Beunruhigt folge ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und wandte die Blätter nachlässig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche Anzeige fiel. Eine dunkle Röthe stieg ihm langsam über die Wangen, das Blatt fiel zur Erde, er griff mit der Hand an die Bretter eines Wagens und legte seinen Kopf darauf. Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt auf und sah den Namen der polnischen Herrschaft, auf welcher der Vater, wie sie wußte, ein großes Capital stehen hatte. Ein Termin zur Versteigerung der Herrschaft wegen Concurses war angezeigt.

Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein eigenes Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Boden ruhte, als die letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte er gedacht, ob es nicht thöricht war, Andern in der Fremde sein Geld zu lassen und daheim fremdes nur zu theuer zu bezahlen; immer hatte er eine Scheu davor gefühlt, auch dies runde Capital in seine Unternehmungen zu werfen, er betrachtete es als das Witthum seiner Gemahlin, als das Erbtheil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe gefährdet, die letzte Sicherheit war verschwunden, Alles um ihn wankte. Ehrenthal hatte in betrogen, er hatte die Correspondenz mit dem Bevollmächtigten des polnischen Grafen geführt, er hatte ihm am letzten Termin die Zinsen noch vollständig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wußte von den schlechten Verhältnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm verheimlicht.

"Vater," rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, "fasse dich, sprich mit Ehrenthal, fahr' zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglück eine Hilfe geben."

"Du hat Recht, mein Kind," sagte der Freiherr mit klangloser Stimme, " noch ist möglich, daß die Gefahr nicht so groß ist. Laß anspannen, ich will nach der Stadt. Verbirgt der Mutter, was du gelesen hast, und du, liebe Lenore, begleite mich."

Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle, wo die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend saß er während der Fahrt in eine Ecke gedrückt.

In der Stadt brachte er die Tochter vor sein Quartier, das er immer noch nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht zu erwecken, als gehe es mit seinem Vermögen zurück. Er selbst fuhr zu Ehrenthal. Zornig trag er in das Comtoir und hielt dem Händler nach rauhem Gruß das Zeitungsblatt entgegen. Ehrenthal erhob sich langsam und sagte mit dem Kopfe nickend: "Ich weiß, der Löwenberg hat deswegen an mich geschrieben."

"Sie haben mich getäuscht, Herr Ehrenthal!" rief der Freiherr, mühsam nach Haltung ringend.

"Wozu?" erwiederte achselzuckend der Händler, "wozu sollte ich Ihnen verstecken, was doch die Zeitung melden muß? Das kommt vor bei jedem Gut, bei jeder Hypothek. Was ist dabei für ein Unglück?"

"Die Verhältnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum gewußt," rief der Freiherr; "Sie haben mich betrogen."

"Was reden Sie da von Betrug?" fuhr Ehrenthal zornig auf; "nehmen Sie sich in Acht, daß nicht ein Fremder Ihre Worte hört. Ich habe mein Geld bei Ihnen stehen, wie kann ich ein Interese haben, Sie kleiner zu machen und größer zu machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin bei Ihnen so tief," er wies auf eine Stelle, wo bei den Menschen das Herz zu sitzen pflegt. "Hätte ich gewußt, daß diese Fabrik wird fressen mein gutes Geld, ein Tausend nach dem andern, wie ein Thier frißt, das hinten offen ist, ich hätte mich bedacht und Ihnen auch nicht gezahlt einen einzigen Thaler. Ich will mit meinem Gelde füttern eine Herde Elephanten, aber ich will niemals wieder füttern eine Fabrik. Wie können Sie also sagen, daß ich Sie betrogen habe?" schloß er in steigender Hitze.

"Sie haben um den Concurs gewußt," rief der Freiherr, "und haben mir verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht."

"Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypothek?" frug der entrüstete Ehrenthal. "Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen eingezogen, das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen außerdem gezahlt noch vieles Geld, das ist mein Betrug." - Versöhnend fuhr er fort: "Sehen Sie die Sache ruhig an, Herr Baron, ein anderer Gläubiger hat angetragen auf den Verkauf der Herrschaft, die Gerichte haben's uns nicht angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an eine falsche Adresse. Was thut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation ausgezahlt Ihr Capitel, dann können Sie bezahlen die Gläubiger, die Sie auf Ihrem Gut haben. Es sind, wie ich höre, große Güter bei dieser Herrschaft, und Sie haben nichts zu befürchten für Ihr Capital."

Mit dieser zweifelhaften Hoffnung mußte sich der Freiherr entfernen. Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kurtscher: "zum Justizrath Horn!" aber mitten auf dem Wage gab er Gegenbefehl und fuhr nach seinem Quartier zurück. Es war zwischen ihm und dem alten Rechtsfreund eine Kälte eingetreten. Er hatte sich gescheut, diesem seine unaufhörlichen Verlegenheiten mitzutheilen, und war durch einige wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden; so hatte er oft die Hilfe anderer Juristen in Anspruch genommen.

 

 

Entnommen aus: Gustav Freytag. Soll und Haben. Roman in sechs Büchern
Drittes Buch, Kapitel 4. Gesammelte Werke in 22 Bänden, Leipzig, Hirzel 2. Auflage 1896, Band 4, Seite 461 bis 472