Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv
 

Da der Dichter geboren wurde, welcher am 21. Januar 1872 als Greis von 81 Jahren gestorben ist, war Schiller noch nicht 32 Jahr alt und dachte zuweilen daran, ein Trauerspiel Wallenstein zu schreiben; und kurz nachdem Franz Grillpazer sein erstes Trauerspiel, die Ahnfrau, den Bühnen übersandt hatte, wurde Goethe zu Weimar wegen Karsten Pudel seiner Theaterleitung enthoben. Es waren die Großväter des lebenden Geschlechts, das sich jetzt in jungem Schaffen tummelt, welche damals zuerst mit rollenden Augen die pathetischen Worte wiederholten: "Bin's, den Mörder Bruder nennen, bin der Räuber Jaromir." Drei Geschlechter dramatischer Künstler sah der stille Dichter neben sich erblühen, während in ihm selbst ein und dieselbe Melodie forttönte, eine Grundidee fast alle Dramen erfüllte, die er der Bühne hingab: diie holde Leidenschaft der Liebe erbrennt plötzlich wie Feuer in den Seelen, sie erfüllt das ganze Sein der Menschen, nur in ihr ist fortan das wahre Leben der Liebenden, welche wie Begeisterte, Traumselige dahinwandeln; und doch sind die wahrhaft Lebendigen, alles Andere ist dagegen einem nichtigen Traum vergleichbar; getäuschte und verrathene Liebe wird deshalb Vernichtung des Lebens, dem Verrathenen oder Verräther.

 

Diese poetische Idee wandelt der Dichter unermüdlich zu immer neuer, höchst wirksamer Schönheit. Schon in der Ahnfrau (gedruckt 1817) ist der düstere gespenstige Hintergrund zwar nach Zeitgeschmack, aber er wird nur dazu benutzt, die dämonische Macht der Leidenschaft zu färben, Jaromir ist stets der leidenschaftlich Liebende, es wird sein und Berthas Unglück, daß er nebenbei Bruder und Scheusal ist. -

Völliger und milder prägt sich die Eigenart des Dichters in "Sappho" (gedruckt 1819) aus:  Feststimmung, Blumen, lachende Natur, bekränzte Altäre froher Götter; Phaon und Melitta, von der Leidenschaft  gehoben, bleiben am Leben, die getäuschte Liebe führt Sappho durch heftigen Kampf zwischen Eifersucht und Stolz zur edlen Entsagung, diese aber ist ihr Tod. Dasselbe Thema behandelt in breiterer Ausführung auf dem Hintergrund griechischer Mythe die Trilogie "das goldene Vließ" (gedruckt 1822), die Geschichte von Jason und Medea. Der gräßliche Inhalt der antiken Schiffersage fügte sich ungern der sinnigen Begabung des deutschen Dichters, hat doch selbst Goethe die Schwierigkeit nicht völlig überwunden, barbarisches Thun mit seinen Gedanken und  gesitteter Empfindung zu vereinen. In den beiden ersten Stücken der Trilogie ist wenig dramatisch Erfreuliches, nur eins ist wieder eigenthümlich und mit wahrer Dichterkraft  gefunden, das Aufflammen der Leidenschaft für Jason in der wilden düstern Seele der Medea. Dagegen ist der letzte Theil "Medea", Demuth der gebändigten Wilden und wüthende Rache der verrathenen Liebe mit einer Energie lebendig gemacht, welche einige Scenen zu den größten Funden Grillparzers erhebt. Auch da, wo Grillparzer einen geschichtlichen Stoff behandelt, und wo sein treues österreichisches Herz ein vaterländisches Stück zu schreiben beabsichtigt, in "König Ottokars Glück und Ende" (gedruckt 1825), ist der Kampf zwischen Ottokar von Böhmen und Rudolf von Habsburg nur äußere Veranlassung zu Ottokars Untergang, seine Schuld ist, daß er sein treues sanftes Weib Margaretha verrathen und verstoßen hat, seine Strafe, daß sein stolzes zweites Weib der dämonischen Verlockung eines schlauen Feindes verfällt, seine Sühne, daß an dem Sarge seiner ersten Frau, welcher der Schmerz das Herz gebrochen hat, seine alte Liebe zu ihr rührend lebendig wird.

Am schönsten aber tönt die Melodie des Dichters aus "Des Meeres und der Liebe Wellen" (gedruckt 1840), der Geschichte von Hero und Leander. Kaum ist ein Stoff denkbar, der so wenig ausgiebig für die Bühne scheint, und doch wird die rührende Innigkeit dieses edlen Dramas, sein einfacher und schöner Bau die Hörer erfreuen, solange die Kunst auf deutschen Theatern eine Stätte hat. Es ist die höchste und originellste seiner Dichterarbeiten, soweit diese durch Theater und Druck bekannt sind, und ein Werk, welches seinen Namen für alle Zeit im Gedächtniß der Deutschen erhalten wird. -

Aber selbst da, wo Grillparzer einmal nicht die Liebe zwischen Mann und Weib, sondern ein anderes starkes ideales Band zur Idee des Dramas gemacht hat, wie in "Ein treuer Diener seines Herrn" (gedruckt 1830), erwärmt ihn eine ähnliche Auffassung. Auch die Treue der Freundschaft und des Dienstes ist eine Leidenschaft bis zum Tode, der äußere Zwang des Lebens gilt wenig gegen die Gewalt dieser idealen Empfindungen. Es ist denkwürdig, daß in seinem bescheidenen Privatleben eine Herzensneigung durchaus nicht mit übermächtiger Gewalt sein Schicksal zu bestimmen vermochte, er selbst blieb unvermählt, aber seiner Braut treu anhänglich. Vielleicht gab stilles Sehnen und unerfüllte Forderung in ihm der einen dramatischen Idee solche Dauer und Energie.

Seine Dramen sind darum keineswegs eintönig und arm an Erfindung. Im Gegentheil ist die Wärme seines Schaffens bewundernswerth, sie gibt ihm immer neue Farben und reizvolle Variation ähnlicher Zustände. Niemals hat ein Dichter, selbst Kleist nicht, die Zaubergewalt der ersten Liebe, das dämmerige geschlossene Hinleben vorher, das jungfäuliche furchtsame Erbeben, das kräftgie Aufbrennen der Leidenschaft reichlicher und zarter geschildert. In diesen Scenen ist volle Schönheit, eine Mannigfaltigkeit und Kraft gerade solcher Erfindung, wie sie der Schauspieler vom Dichter ersehnt, um selbst das Reizvollste erschaffen zu können. Dieser Reichthum ist in dem Dichter ganz einzig; selbst wo ihm Anderes wenig gelungen ist, hebt er dadurch den Hörer herauf.

Fast überall hat er auch dem Schauspieler lohnende Aufgaben gestellt, Es ist wahr, er hat nur wenige Leidenschaften mit voller Farbe geschildert, großen Gebieten des Menschenlebens wäre sein Talent schwerlich gerecht geworden, einen starken Mann, eine Heldenkraft im Kampf mit den wirklichen Mächten der Erde zu zeichnen hat ihn nie gelockt. Sein Ottokar, der  in den ersten Acten so gewaltig heischend über den Andern schreitet, schnurrt bei der ersten Zusammenkunft mit Rudolf auf überlegene Anrede des Deutschen sofort kläglich zusammen. Denn dem Dichter liegt weniger der Charakter des Helden am Herzen, als seine Farbe und sein Pathos. Darum ist er auch nicht reich im Erfinden kleiner Charakterzüge, welche den Personen Antheil gewinnen. Alle Charaktere Grillparzer's sind sehr einfach angelegt, die Hauptpersonen ganz erfüllt von einer Idee, aber alle seine Menschen wollen etwas, lebhaft, heftig, pathetisch, und das ist für die Bühne eine große Sache. -

Er versteht die Scene vortrefflich zu behandeln, es ist Jedes im Rahmen richtig geschaut, der Scenenlauf, die Gruppirung, auch die Decoration; und dieses Kennzeichen eines festen Bühnendichters findet sich schon in seinen ersten Stücken, man hat fast nur nöthig, den Wortreichthum pathetischer Stellen ein wenig zu bändigen. Sein sprachlicher Ausdruck ist uns Neueren bisweilen allzu flüssig. Es ist das langweilige wortreiche Pathos aus Schiller's Zeit, häufige Sentenzen, auch da, wo wir sie gern missen würden, zuweilen geistvoll, nicht ganz selten trivial; es ist durchaus seine fehlerfreie Sprache und der Genuß, mit welchem die Helden sich darin vortragen, dünkt uns wohl einmal altfränkisch. Aber in dieser Sprache ist wieder so reichliche Seelenbewegung, und soviel von dem Schwung einer hochgehobenen, glückseligen Dichterkraft, daß die Hörer trotz allem davon fortgerissen werden. Zumal im deutschen Süden.

Die Freunde in Wien rühmen den Geschiedenen als den größten Dichter Oestreichs, wohl sogar als den letzten. Wir im Norden dürfen das Anrecht an einen Deutschen, der nach Schiller und Goethe herauskam, und der in seiner Jugend Kleist's Käthchen und Penthesilea gelesen hat, nicht aufgeben. Aber wir haben allerdings ihm gegenüber eine lange Versäumniß zu bedauern. Seine besten Dramen "Sappho" und "Des Meeres Wellen" sind den meisten unserer Bühnen fremd geblieben, jedenfalls den Schauspielern und dem Publicum zu wenig bekannt. Wir haben dafür eine Entschuldigung, keine Rechtfertigung. Diese dramatischen Elegien begehren Hörer und Darsteller, wie sie in unseren großen Häusern nicht aufkommen. Sie sind durchaus auf das kleine Burgtheater berechnet, in den wüsten Räumen, welche an allen größeren Orten Norddeutschlands dem höhern Drama Gefahren bereiten, würden gerade sie Duft und Farbe verlieren, wie kaum ein anderes Dichterwerk. Kehrt aber irgendwo eine Darstellerin von poetischer Anmuth in kleinem Bühnenhause ein, dann wird es eine lohnende Aufgabe, ja eine Pflicht gegen die Kunst, die zarte Schönheut der beiden Kunstwerke den Hörern in das Herz zu leiten. Der verstorbene Dichter selbst hat zuweilen mit Wehmuth empfunden, daß er den Deutschen so fremd geblieben ist, ja wie berichtet wird, haben die letzten Worte, die er sprach, darüber geklagt. Dafür gibt es einen stolzen Trost. Wer so geschaffen hat wie er, ehrlich, in warmer Begeisterung, so daß er der Welt die idelae Forderungen seines eigenen Lebens darstellt, der muß erwarten, ob die Welt die Fähigkeit und das Bedürfniß hat, ihn zu hören, vielleicht sogleich, vielleicht einst. Verloren geht nimmer, was er in Wahrheit schön erfunden, wenn auch sein eigenes Leben dahinschwand, bevor sein Fund Gemeingut wird. Er hat für die Kunst garbeitet als ein Herr und nicht als ein Knecht, dafür bleibt ihm die Ehre eines Herrn, der Ruhm bei spätern Geschlechtern. Und eines, zwei Stücke von Grillparzer werden im Gedächtniß der Nation dauern und noch Freude bereiten, wenn die gesammte dramatische Literatur, welche zwischen seinem ersten und seinem beten Stück aufschoß, vergessen sein wird.

 

 

Im neuen Reich 1872, Nr. 5

Entnommen: Gesammelte Werke, Band 16, Seite 326 - 331, 2. Auflage; Leipzig, Hirzel 1897