Neue Rezension  

Cover: KonstellationenNeu in meiner Bibliothek:
"Gustav Freytag - Konstellationen des Realismus"
von Philipp Böttcher


Hier die Rezension dazu

   

Aktuelle Rezension  

Cover: Julian SchmidtHier eingestellt:
die Rezension von Bernt Ture von zur Mühlen zum neuen Buch von Norbert Otto:

"Julian Schmidt. Eine Spurensuche"

   

Bewertung: 5 / 5

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Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2. Band 1. Ein fahrender Schüler (1509 und folgende Jahre)

Das fünfzehnte Jahrhundert versank. Uns Deutschen erscheint es eine Zeit der Versuche, eifriger aber unfertiger Bildungen. Die Aufregung der Massen in einem großen halbslavischen Volksstamm des Römischen Reiches hatte Tod und Verderben über die deutschen Landschaften gebracht, aber der Fanatismus der Hussiten schien  auf der Brandstätte von hundert deutschen Städten und Dörfern verkohlt.

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Und doch zitterte die Bewegung in den Herzen fort durch zwei Geschlechtsfolgen, und im nächsten Jahrhunderte loderte die Flamme von neuem auf, mächtiger, unvertilgbar, eine Feuersäule für ganz Europa. Auch das Haus der Luxemburger war vergangen, seine letzten Erben hatten einst die ungarische Krone an die östreichischen Habsburger verpfändet, scheidend überließen sie diesen ihre Ansprüche auf die weiten und unsichern Erwerbungen ihres Stammes. Aber noch stand das Geschlecht der Habsburger in Deutschland nicht fester als alle andern deutschen Fürstenhäuser, als die Wittelsbacher, die Wettiner, die Hohenzollern. Und doch machte das nächste Jahrhundert Karl. V. zum größten Landgebieter der Erde.
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Vergebens hatte man auf den Concilien zu Kostnitz und Basel gearbeitet, die Schäden der römischen Kirche zu heilen, fruchtlos mühte man sich am Ende des Jahrhunderts, das zerfallene Haus des deutschen Reiches durch neue Pfeiler zu stützen, während doch Ludwig XI. in Frankreich, der erste Tudor in England ihr Königtum hoch über den Trotz der großen Vasallen erhoben. Es war ein Jahrhundert der Fehden und einer rücksichtslosen Selbstsucht, und wieder des freien Zusammenschlusses zu praktischen Zwecken, überall Städtebünde und Ritterbünde. Es war aber auch die Zeit, wo der deutsche Geist, auf Erreichbares und Endliches scharf gerichtet, zu der größten aller neuen Erfindungen kam, zur Kunst Bücher zu drucken; wo trotz den Kämpfen auf der Landstraße und blutigem Hader hinter den Stadtmauern Handel und Handwerk zu reichlicher Blüte kamen, wo der Bürger und Bauer sich als Kriegsmann fühlen lernte, wo der deutsche Kaufmann die nördlichen Meere seiner Herrschaft unterwarf, während der romanische Seefahrer durch die Nebel eines ungeheuern Ozeans zu unbekannten Erdteilen drang. Es war endlich die Zeit, in welcher die Saumtiere der Alpen mit den Gewürzen des Orients und den Bullen des Papstes auch die Handschriften fremder Werke zutrugen, aus denen sich über Deutschland eine neue Wissenschaft, die Morgenröte des modernen Lebens verbreitete.

Das sechzehnte Säculum kam herauf, und mit ihm die größte geistige Bewegung, welche je eine Nation in den innersten Tiefen aufgewühlt hat. Für immer hat nach menschlichem Ermessen dies Jahrhundert dem Geist und Gemüt der Deutschen sein Gepräge aufgedrückt. Eine einzige Zeit, wo eine große Nation emsig und angstvoll ihren Gott suchte, Frieden für die beängstigte Seele, sittlichen und gemütlichen Inhalt für ein Leben, das ihr reizlos, trübe, arm und verdorben erschien. - Sehnsucht nach Erkenntnis der Wahrheit und heißes Ringen nach der ewigen Liebe, das sollte auf lange die herrschende Leidenschaft der Deutschen werden.

Solche Anstrengung der Volksseele, das gesamte Leben neu zu gestalten durch ein tiefes Erfassen des Ewigen, hat auch die politische Entwicklung der Deutschen in einen Lauf gebracht, welcher dem anderer großer Kulturvölker scharf entgegengesetzt ist. Denn dieser leidenschaftliche Kampf hat die volle Kraft der Nation in Anspruch genommen bis zur äußersten E´rschöpfung, er hat die politische Einigung Deutschlands um Jahrhunderte aufgehalten, die furchtbarsten innern Kriege, eine totenähnliche Ohnmacht sind ihm gefolgt; er hat einen tiefen Riß gemacht zwischen Deutschen und Deutschen, zwischen der neuen Zeit und dem Mittelalter. Er hat verursacht, daß ein großer Tiel des deutschen Volkes, welches seine Geschichte bis auf die Jahre Ariovist's und Armin's zurückführen kann, jetzt die Hohenstaufenzeit, ja das Reichsregiment des ersten Maximilian betrachten darf wie eine dunkle Sage, denn seine Staatenbildung, seine Rechte, seine Gemeindegesetze sind kaum so alt als die der nordamerikanischen Freistaaten.
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Die älteste unter den stolzen Nationen, welche auf den Trümmern des Römerreiches entstanden, ist jetzt in vieler Beziehung das jüngste Mitglied der Staatenfamilie Europas. Aber wie verhängnisvoll auch jener Streit des sechzehnten Jahrhunderts für die politische Gestaltung des Vaterlandes geworden ist, dennoch soll jeder Deutsche mit Ehrfurcht darauf zurücksehen, denn ihm verdanken wir alles, was jetzt unsern Stolz und unsere Hoffnung ausmacht, unsere Opferfähigkeit, unsere Wissenschaft, unsere Kunst, zuletzt auch die große Verpflichtung, welche die Ahnen auf unsere Seele gelegt haben, die Pflicht das zu vollenden, was ihnen mißlang. Gerade jetzt, wo wir mitten im politischen Kampfe für deutsches Wesen stehen, wird es nützlich sein zu gedenken, wie dieser Streit vor vierthalbhundert Jahren im Volke begonnen hat.

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Anmerkung: Der besseren Lesbarkeit wegen wurden einige Absätze eingefügt, wo im Original keine sind. Diese sind durch einen "." in der Leerzeile zu erkennen.

Entnommen aus: Gustav Freytag, Gesammelte Werke in 22 Bänden, Band 19, Seite 1-3, Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1898, 2. Auflage
Die Rechtschreibung wurde behutsam modernisiert, um die Lesbarkeit zu erleichtern (z. B. aus "th" wurde "t")

   

Kurz-Biographie

Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg (Schlesien) geboren. Sein Vater Gottlob Ferdinand war Arzt, seine Mutter Henriette Albertine eine geborene Lehe. Mit Unterbrechung war Gottlob Ferdinand Bürgermeister von Kreuzburg. Freytag studierte bei Hoffmann von Fallersleben und Karl Lachmann. Da er aus politischen Gründen keine Professorenstelle bekam, wurde er zunächst als Privatdozent in Breslau tätig. Ab 1848 gab er gemeinsam mit Julian Schmidt die nationalliberale Zeitschrift „Die Grenzboten“ heraus. Seine Artikel brachten ihm u. a., daß er von Preußen steckbrieflich gesucht wurde. Er ließ sich schließlich in Siebleben bei Gotha nieder, wo ihm später von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Hofratstitel verliehen wurde.

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Kurz-Biographie

Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg (Schlesien) geboren. Sein Vater Gottlob Ferdinand war Arzt, seine Mutter Henriette Albertine eine geborene Lehe. Mit Unterbrechung war Gottlob Ferdinand Bürgermeister von Kreuzburg. Freytag studierte bei Hoffmann von Fallersleben und Karl Lachmann. Da er aus politischen Gründen keine Professorenstelle bekam, wurde er zunächst als Privatdozent in Breslau tätig. Ab 1848 gab er gemeinsam mit Julian Schmidt die nationalliberale Zeitschrift „Die Grenzboten“ heraus. Seine Artikel brachten ihm u. a., daß er von Preußen steckbrieflich gesucht wurde. Er ließ sich schließlich in Siebleben bei Gotha nieder, wo ihm später von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Hofratstitel verliehen wurde.

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Die Ahnen 1: Ingo und Ingraban

Frei hat Gott die Menschen geschaffen, damit diese sich selbst ihr Schicksal bereiten. (Ingraban, Seite 251)

Cover: Gustav Freytag AusgabeZum Inhalt

Ingo
Im Jahre 357 gelangt der Königssohn der Vandalen nach einer Schlacht mit den Römern, denen er die Fahne entrissen hat, zu den Thüringen. Dort findet er zunächst gastliche Aufnahme, die auch auf seine später hinzukommenden Gefährten gilt. Als er sich jedoch in die Tochter des Fürsten verliebt und diese sich ihm zuwendet, zieht Unheil am Himmel auf, denn die Eltern sind gegen diese Verbindung. Und dann senden die Römer ihre Boten und fordern Ingos Kopf.

Ingraban
Die Zeiten haben sich seit Ingos Tagen geändert. Im Jahre 724 geleitet sein Nachfahre Ingraban einen ihm seltsam scheinenden Fremden und dessen Begleiter in seine thüringische Heimat. Dieser kommt, um für seinen Gott zu werben. Es ist Winfried, vom Papst zum Bischof geweiht, der die Lande für das Christentum erobern will. Es ist die Zeit, da der alte mit dem neuen Glauben ringt, da die Franken ihre Macht ausdehnen und sich vieles zu ändern beginnt. So bleibt es nicht aus, daß Ingraban zwischen die Fronten gerät.

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In der Heimat (Karl Mathy)

Das Leben des Süddeutschen, welches hier erzählt werden soll, begann, als die siegreichen Heere Napoleons I. am Niemen lagerten, im Jahre der Schlacht bei Friedland und der tiefsten Erniedrigung Deutschlands, und es endete in den Monaten, in welchen dreißig Millionen Deutscher in Einer Staatsverfassung geeinigt wurden und Napoleon III. das kaiserliche Frankreich vor einer großen Erhebung deutscher Staatskraft zu schützen suchte. Als Mathy geboren wiurde, gab es im größten Theile Deutschlands noch keinen andern Patriotismus als den untilgbaren, welcher aus der Besonderheit des Gemüthes, der Sprache, der Literatur heraufsteigt; als er starb, wurde das neue Sinnbild nationalen Selbstgefühls, die Bundesflagge von jedem fremden Culturvolk der Erde an den Masten deutscher Schiffe und deutscher Consulate achtungsvoll begrüßt. Im Jahr 1807 war sein Heimatstaat ein schwaches Gemenge von zerstörten Trümmerstücken des deutschen Reiches unter französischer Oberhoheit und badische Landsleute kämpften mit den Franzosen gegen Deutsche; im Jahre 1868 war durch seine Geschäftsführung das badische Heer eng mit dem norddeutschen verbunden und er selbst als badischer Minister der entschiedenste Vorkämpfer der nationalen Partei an der Südgrenze Deutschlands.

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Otto, Norbert: Julian Schmidt. Eine Spurensuche (Rezension von Bernhard Gregor)

„Was für eine große, gewaltige Zeit machen wir durch. Ein späteres Jahrtausend wird sich darüber wundern, was für ungeheure Kerle wir gewesen sind!“ (Seite 193, Julian Schmidt an Fritz Reuter, undatiert)

 

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Julian Schmidt (1818-1886), obwohl heute weitgehend unbekannt, gehörte im 19. Jahrhundert zu den einflußreichsten Publizisten und Literaturkritikern. Sein Bekannten- und Freundeskreis umfaßt viele auch heute noch geläufige Autoren. Zusammen mit Gustav Freytag gehört er zu den Begründern des Bürgerlichen Realismus.
Norbert Otto folgt seinem Lebensweg und konnte für diese Biographie viele bisher unveröffentlichte Dokumente der Zeit berücksichtigen. So entsteht nach und nach ein Lebensbild Julian Schmidts - und auch eine lebendige Schilderung der literarischen Verhältnisse jener Zeit.

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