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1.

Der Wein, die liebliche Pflanze, ward hoch vor andern geehrt,
Ihr hat der müde Schöpfer zwei Blüthen im Jahre beschert,
Die ein' am Rebenstocke bei Sonnenlicht und Pracht,
Die andere tief im Keller in finstrer Mittternacht.
Die erst' in freien Lüften ist klein mit zartem Duft,
Die zweit' im Faß verborgen, erfüllt mit Balsam die Luft.
Wir fühlen die Kraft der Blumen am weingefüllten Glas,
Die Küfer aber verstehen das geistige Blühen im Faß,
Sie ahnen die tief Verborgene, sie scheuen das heimliche Leben,
Den nächtlichen Duft im Keller, und fürchten die Blume der Reben.
Doch ist ihr alter Glaube, bei hundertjährigem Wein
Soll einmal auch für Menschen die Pflanze sichtbar sein.

Dann klingt und rauscht es im Fasse, der Zapfen steigt empot,
Und aus den rollenden Fluthen gaucht langsam die Blume hervor,
Und füllt den Raum des Gewölbes mit magischem Purpurglanz,
Dann zieht sich um die Reifen ein goldner Blätterkranz,
Die heimliche Blume schaukelt ihr Haupt im Kellerhaus,
Und aus dem Kelche sprühen Rubinen als Funken heraus;
Staubfäden schließen zur Wölbung als blaue Feuerstrahlen,
Und keine Farbe vermöchte die Pracht der Blume zu malen,
Dann füllt den ganzen Keller ein emsiges, stilles Weben,
Dann feiern die Geister des Weines ihr hundertjähriges Leben.
O selig, dreimal selig ist jeder sterbliche Mann,
Der solche heimliche Blüthen erspähn und pflücken kann!
Sie bergen in ihrem Schoße die stärkste Zauberkraft,
Die alles Glück der Erde dem kühnen Finder schafft,
So Mancher hat sie begehret, ich habe sichern Bericht.
Wie's Einem der Forscher gelungen, erzählt euch dies Gedicht.

 

2.

"In nomine domini Amen!" sprach Abt Eugenius,
"Wir heißen die lustigen Mönche des heiligen Blasius,
Wir haben in unsern Truhen viel Gold und Edelgestein,
Wir haben manches Stückfaß von wundersamem Wein;
Allein das Größte von Alllem hat keine Müh' verschafft,
Das ist die Blüthe des Kellers mit ihrer Geisterkraft.
Drum denket nach, ihr Brüder, ob's uns gelingen mag
Die Zauberblume zu finden, das wär' ein Freudentag."
Da neigten sich die Mönche und sprachen: "cogitamus."
Und freudig hob sich vom Sessel der Bruder Abrahamus
Und sprach: "Ich konnte die Blume zwar nie beim Becher fangen,
Und bin doch jeden Abend deshalb zum Weine gegangen,
Doch dieses hab' ich erkundet, im Keller muß sie sein,
Man merkt es am Geruche." - Da riefen die Brüderlein:
"Ja, ja, wir hoffen Alle, sie wird im Keller sein."
Der Abt versetzte: "Brüder, in unserem Keller nicht,
Das muß ich am besten wissen," und faltete sein Gesicht.
Die Brüder murmelten: "Freilich, ihr wißt es am allerbesten."
Und Pater Henricus sagte: "Man muß nach Ost und Westen
Erfahrene Männer senden, zu suchen das holde Kraut
Ich selbst umgürte die Lenden, wenn mir der Convent vertraut."

Da sprach der Abt mit Rührung: "Gepriesen sei der Mann,
Der dich, mein Bruder, zeugte; tritt deine Reise an."
Drauf nahm der Pater die Tasche und schürzte sein Gewand,
Und ehrerbietig küßt' er dem Abt die runde Hand.
Der neigte sich murmelnd auf ihn und sprach den Reisesegen:
Dich schütze die heilige Jungfrau auf allen deinen Wegen,
Sanct Ulrich, Sanct Cyrillus und Sanctus Blasius."
Der Pater beugte die Kniee und sprach den Scheidegruß;
Und traurig riefen die Brüder: "Gesegnet sei den Fuß!"

 

3.

So zog er aus dem Kloster am schönen Rhein entlang,
Und prüfte viele Fässer und saß auf mancher Bank,
Und stieg in jeden Keller und trank mit jedem Wirth,
Und segnete jede Schenkmaid und hatte sich stets geirrt,
Denn von der Blume des Weines erhielt er nirgends Kunde.
Einst lief er auf felsigen Pfaden in später Abendstunde
Und suchte mit trübem Auge nach einem Herbergschild;
Da sah er an seiner Rechten ein sehr bedenkliches Bild.
Denn auf dem höchsten Steine saß mitten im kalten Wind,
Fast über dem Haupt des Mönches, ein zierliches nacktes Kind,
Es hielt ein Glas in den Händen und nippte stark daran,
Und baumelte mit den Beinchen und lachte den Pater an.
Der rief: "o pauper vermes," zu deutsch, du armer Wurm,
"Du wirst dich garstig erkälten dort oben im eisigen Sturm."
"Ja," seufzte der Kleine, "Pater, mich friert auch gar zu sehr,
Hab' keinen Rock und Höslein und auch kein Hemde mehr,
Ich habe das alles vertrunken in altem, süßem Wein."
Das freute den guten Pater, er sprach: "So muß es sein,
Ich mach' es auch nicht anders. Doch bin ich ein starker Mann,
Du bist ein weicher Knabe, zieh meine Kleider an;
Ich will dir die Kutte geben, wir schneiden die Ärmel ab,
Die sollst du als Höslein tragen." Der Kleine sprang herab,
Und beide setzten sich friedlich an eines Baches Rand,
Und trennten und banden mit Fäden die Aermel am Mönchsgewand,
Nach Kurzem trug der Kleine Pumphosen faltig und kraus,
Und sa aus seiner Kutte wie Schneck' aus in ihrem Haus.
Er schlug in die zarten Hände und schritt um den Mönch herum,
Und hing die lange Schleppe gar majestätisch um.
Im Hemde stand der Pater, er lachte inniglich,
Und stemmte die Arme unter und rief: "Gott segne dich,
Du bist ein schmucker Junker und drehst dich wie ein Prinz."
Der Kleine versetzte würdig: "Der bin ich, Pater Hinz."
"Potz mille, ei der Tausend, wo steht das gepanzerte Roß?
Wo sind die Ritter und Grafen und deiner Knappen Troß?
Wo liegt, du Göckelhähnchen, dein Schloß und Königreich?"
"Das alles sollst du sehen, ich zeige dir's sogleich."

 

4.

Der Kleine schritt zum Felsen und ballte die weiße Hand,
Und schlug mit allen Kräften dreimal an die Felsenwand.
Da sprang der große Steinblock mit lautem Knall in Stücke
Und wölbte sich oben zum Bogen und unten zu einer Brücke,
Der Pater und der Kleine durchschritten das Felsenportal,
Und stiegen auf breiten Treppen in einen riesigen Saal
Mit weißen Pfeilern und Bögen, gehauen in Marmorstein,
Erfüllt durch tausend Fackeln mit röthlichem Dämmerschein.
Es lagen an Wänden und Pfeilern wohl tausend und tausend Fässer
Und Flaschen von allen Arten, nie sah sie der Pater besser,
Denn jede trug ein Pelzkleid von Schimmel und grünem Moos.
Da faltete unser Mönchlein die Händ' in seinen Schoß
Und sah vertraulich die Flaschen, ehrfürchtig die Fässer an,
Und zwängte die flehenden Augen zurück zum kleinen Mann.
Der lachte: "Sieh, mein Pater, gefällt dir das Königreich,
Hab' hundert solche Paläste und keiner dem andern gleich.
Hier schau', die würdigen Fässer sind meine edlen Barone,
In hölzernen Panzerkleide mit eingebrannter Krone
Und starken Eisenringen um Rippen und Brust zur Wehr.
Und hier die vollen Flaschen sind meiner Knappen Heer,
Sie tragen Sammetpelzchen und stehn als Söldnerreih'
In grün und weiß gekleidet, in meiner Liverei.
Und hier die hohe Tonne, von Eichenplanken gemacht,
Ist mein gepanzertes Streitroß, das reit' ich in der Schlacht;
Dort hängt aus Rebenwurzeln geflochten des Pferdes Zügel,
Und Hähne sind die Sporen und Zapfen die Steigebügel." -
Der Pater verlor die Sprache, ihm war die Lust benommen.
"Du suchst die Blume des Weines? du bist zurecht gekommen
Sie blüht in diesem Keller just heut um Mitternacht,
Du kannst sie sehn und brechen - doch halte getreue Wacht.
Nur eine Viertelstunde vermagst du die Blume zu sehen,
Versäumst du sie zu pflücken, so ist's um dich geschehen.
Bis dahin bist du Herrscher, versuche jedes Faß."
"Nichts lieber," sprach der Pater und packt' ein großes Glas.
Da ging der Kleine zum Ausgang und rief mit ernstem Gesicht:
"Versäume die Viertelstunde, vergiß die Blume nicht!"
Drauf nickt' er lächelnd dem Mönche: "Sei glücklich!" und verschwand,
Der Pater stand so selig in Rebenkönigs Land.

 

5.

Fünf Flaschen leert' er schleunig, dann schritt er zu ernster That.
Er schlich von Faß zu Fasse und hielt mit sich selber Rath,
Und schnalzt' und lachte vor Freude, die Augen glühten in Lust:
"Gott Vater! So viele Wonne trägt keine Menschenbrust,
Ich muß mich zu Einem setzen, das Mischen thut nicht gut."
Er suchte das Größt' und Beste, und sprang darunter in Wuth
Und stürzt' in goldnen Strömen den Wein die Kehle hinab,
Und sprach zum Weine: "Schneller, du sämuiges Fäßlien, trab!
Hinunter durch die Kehle!" - Er zählte jeden Pokal,
Doch als er den zwölften leerte, vergaß er vor Freude die Zahl.
Da, horch, erdröhnte der Keller von zwölf geschwinden Schlägen
Und staunend merkte der Pater ein leises Knistern und Regen
Aus seinem erwählten Nachbar ertönte feiner Klang,
Und gegen die Planken wogte der Wein mit starkem Drang.
Und oben aus dem Holze fast über seinem Haupt
Erhob sich ein goldner Stengel mit grünem Blatt umlaubt,
Und lange Zweig' und Ranken umrollten das ganze Faß,
Und fielen in losen Gewinden bis auf des Paters Glas.
Da plötzlich glühte der Keller in zitterndem, rothem Licht,
Die Blum' enthüllte die Blätter. - Der Pater hob das Gesicht
Und öffnete Mund und Nase dem Duft der Geisterblüthe,
Und rief: "O selige Stunde, in der ich mich bermühte
Die Blume zu erlangen!" Noch hab' ich viel zu thun,
In wenig Augenblicken wird meine Kehle ruhn,
Denn hab' ich die Blume gebrochen, so hört das Trinken auf,
Dann muß ich zum Kloster wandern in dienstbefllissenem Lauf."
Er trank und füllte den Becher und trank von Neuem aus,
Und dachte über die Freude der Brüder im Klosterhaus.
"Gleich will ich die Rose pflücken! Wie mundet der Wein so gut,
In diesen letzten Zügen erhol' ich zum Pflücken den Muth."
Da hob ein Hammer zum Schlage der Viertelstunde aus.
"Ha," rief der Pater, "zu Ende geht jetzt der schöne Schmaus!
Jetzt muß ich die Rose pflücken, noch schnell das Trennungsglas."
Und als er den Becker geleeret, erbebte das ganze Faß,
Der Pater hob sich hastig zur flammenden Blüth' empor, -
Da schlug das Viertel, er stürzte mit Wangen, Nas' und Ohr
Hinein in den Kelch der Blume und fühlt' entsetzt das Feuer,
Von starkem Donnern und Blitzen erbebte des Saals Gemäuer,
Die Blume versank im Fasse, die Fackeln verlöschten im Nu,
Der Pater lag am Boden und machte die Augen zu.

 

6.

Und als der Mönch erwachte, da lag er an Baches Rand,
Und über ihm unzerschnitten das braune Mönchsgewand.
Er rieb sich dumpf die Augen und drückte den schweren Kopf,
Und fuhr erbittert und zornig in seinen geschornen Schopf,
Da sah er plötzlich im Wasser sein eignes Angesicht,
Und starret erschreckt hinunter und traute den Augen nicht.
Denn seht, an Nas' und Wangen, so weit er die Rose berührt,
Hat unser Pater Henricus gar Wunderbares gespürt.
Auf seinem menschlichen Antlitz erglänzten in feurigem Schein
Die Nas' und auch die Wänglein, roth wie ein Blumenrain.
Der Pater seufzte betreten: "So mancher trägt im Haar
und an der Brust die Rosen, allein im Antlitz gar, -
Das ist ein großes Wunder; was werden die Brüder sagen?"
Und langsam begann er den Zauber und sich nach Haus zu tragen.
Und als er dem Kloster nahte zum heiligen Vespersang,
Vernahm er schon vom Berge den festlichen Glockenklang,
Und aus der Klosterpforte zog seiner Brüder Hauf
Mit Stola, Kreuz und Fahne zu ihm den Berg herauf,
Und alle riefen mit Jubel: "Willkommen im Klosterhaus,
Du treuer Mann, salveto! du bliebst uns lange aus."
Und Abt Eugen sprach eifrig und packte das Brevier:
"Wo hast du die Zauberblüthe?" Der Pater sagte: "Hier!"
Und wies auf Nas' und Wangen. Da staunte Jedermann,
Und hörte des Paters Kunde mit großem Jubel an,
Und Abt Eugenius sagte: "Singt Alleluja mir.
Willkommen, du frommer Pater, des Klosters schönste Zier!
Die Wunder sind vergänglich, der Durst bleibt ewig hier."

 

Aus: Gesamtausgabe, 2. Auflage 1986, Seite 329-336