Neue Rezension  

Cover: KonstellationenNeu in meiner Bibliothek:
"Gustav Freytag - Konstellationen des Realismus"
von Philipp Böttcher


Hier die Rezension dazu

   

Aktuelle Rezension  

Cover: Julian SchmidtHier eingestellt:
die Rezension von Bernt Ture von zur Mühlen zum neuen Buch von Norbert Otto:

"Julian Schmidt. Eine Spurensuche"

   

Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv
 

Das Leben des Süddeutschen, welches hier erzählt werden soll, begann, als die siegreichen Heere Napoleons I. am Niemen lagerten, im Jahre der Schlacht bei Friedland und der tiefsten Erniedrigung Deutschlands, und es endete in den Monaten, in welchen dreißig Millionen Deutscher in Einer Staatsverfassung geeinigt wurden und Napoleon III. das kaiserliche Frankreich vor einer großen Erhebung deutscher Staatskraft zu schützen suchte. Als Mathy geboren wiurde, gab es im größten Theile Deutschlands noch keinen andern Patriotismus als den untilgbaren, welcher aus der Besonderheit des Gemüthes, der Sprache, der Literatur heraufsteigt; als er starb, wurde das neue Sinnbild nationalen Selbstgefühls, die Bundesflagge von jedem fremden Culturvolk der Erde an den Masten deutscher Schiffe und deutscher Consulate achtungsvoll begrüßt. Im Jahr 1807 war sein Heimatstaat ein schwaches Gemenge von zerstörten Trümmerstücken des deutschen Reiches unter französischer Oberhoheit und badische Landsleute kämpften mit den Franzosen gegen Deutsche; im Jahre 1868 war durch seine Geschäftsführung das badische Heer eng mit dem norddeutschen verbunden und er selbst als badischer Minister der entschiedenste Vorkämpfer der nationalen Partei an der Südgrenze Deutschlands.

.
Im Jahr 1807 war seine Vaterstadt Mannheim neun Tagereise von Hamburg oder Berlin entfernt, als er starb, war die Entferung für Reisende auf eine starke Tagesfahrt, für eilige Briefe auf wenige Zeitminuten verkürzt. Im Jahr 1807 gab e snur sehr wenige Zeitungen im Lande, welche jeden Wochentag erschienen, und jedes gedruckte Wort derselben mußte von der Polizei genehmigt sein, in dem vielgetheilten und zerrissenen Gebiet des altes Reiches erhoben sich zahllose Schlagbäume und Steuerwachen; die Deutschen waren ein armes Volk mit enger Häuslichkeit und knappem Leben, schwerfällig und langsam bewegten sich Geld und Waaren aus einer Hand in die andere; als er starb, hatte die Censur aufgehört und an hundert große Zeitungen wurden einmal, ja zweimal täglich versandt, achtunddreißig Millionen thätiger Menschen lebten durch ein großes Zollgebiet verbunden, der deutsche Gewerbefleiß war auf dem Weltmarkt ein gefürchteter Nebenbuhler des englischen geworden, und in allen Welttheilen galt das Geschäft deutscher Banken und deutscher Handlungshäuser für besonders strebsam, zuverlässig und eroberungslustig.

Die sechzig Jahre seines Erdenlebens umschließen das Aufsteigen der deutschen Volkskraft aus Verarmung und politischem Elend zu verhältnismäßigem Wohlstand und zu einer Großmacht. Es war eine Zeit harter Arbeit, mühsamen Ringens, vergeblicher Anläufe und doch eines stillen unaufhaltsamen Wachsthums, und wir dürfen annehmen, daß diese Periode deutscher Kräftigung auch späteren Geschlechtern  für eine sehr denkwürdige gelten wird. Wie sich in ihr ein einzelnes Menschenleben darstellt, soll hier gezeigt werden. Es ist das Leben eines Süddeutschen, welcher bei seiner Geburt keine Heimat fand, deren Geschichte ihm patriotischen Stolz oder auch nur patriotische Trauer möglich machte. Wie einen gescheidten, warmherzigen Deutschen der rheinischen Pfalz Sehnsucht, Verständniß und Kampffreude für die Zukunft des deutschen Staates unhertrieb und erhob, das erscheint uns als besonders lehrreich.

Aber seine Schicksale sollen ihm auch persönlichen Antheil erwerben. Denn ungewöhnlich reich an Ereignissen, an Wechsel des Ortes und der Thätigkeit ist sein Leben, und schon die Größe und Mannigfaltigkeit der Interessen, welche er umfaßte, würden eine ausgeführte Lebensbeschreibung lohnend machen. Endlich hat seine Arbeit für unsere Nation noch eine besondere Bedeutung. Von dem Jahre 1830 bis zur Gegenwart hat er als Schriftsteller, Volkslehrer, Abgeordneter, Leiter großer Geschäfte und als Staatsmann seine Kraft für Andere gerade immer in den Thätigkeiten verwerthet, welche nach dem Zuge der Zeit obenan standen.

So vermag eine Erzählung seiner Erlebnisse vielleicht zu zeigen, wie sich an einem einzelnen Mann der große Bildungsfortschritt der letzten vierzig Jahre vollzog, von dem ersten unsicheren Ringen nach deutscher Einheit bis in die Jahre ihrer politischen Durchführung. Sehr gering ist die Zahl Derer, welchen vergönnt war, diese aufreibenden Wandlungen im Einvernehmen mit den besten Zeitforderungen durchzuleben; unter Allen, welche von 1830 bis zur Gegenwart in politischer Thätigkeit gedauert haben, ist kaum einer, der so hingebend, so mühevoll, so kriegerisch und in so unsicherer Stellung alle Kämpfe durchgefochten und zu so sichererer Freiheit in ihnen gewachsen ist, wie er. -

 

Anmerkung: Der besseren Lesbarkeit wegen wurden einige Absätze eingefügt, wo im Original keine sind. Diese sind durch einen "." in der Leerzeile zu erkennen.

Aus "Karl Mathy"
Entnommen aus: Gustav Freytag, Gesammelte Werke in 22 Bänden, Band 22, Seite 1 - 3; 2. Auflage; Leipzig, Hirzel 1898

   

Kurz-Biographie

Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg (Schlesien) geboren. Sein Vater Gottlob Ferdinand war Arzt, seine Mutter Henriette Albertine eine geborene Lehe. Mit Unterbrechung war Gottlob Ferdinand Bürgermeister von Kreuzburg. Freytag studierte bei Hoffmann von Fallersleben und Karl Lachmann. Da er aus politischen Gründen keine Professorenstelle bekam, wurde er zunächst als Privatdozent in Breslau tätig. Ab 1848 gab er gemeinsam mit Julian Schmidt die nationalliberale Zeitschrift „Die Grenzboten“ heraus. Seine Artikel brachten ihm u. a., daß er von Preußen steckbrieflich gesucht wurde. Er ließ sich schließlich in Siebleben bei Gotha nieder, wo ihm später von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Hofratstitel verliehen wurde.

Weiterlesen ...
   

Kurz-Biographie

Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg (Schlesien) geboren. Sein Vater Gottlob Ferdinand war Arzt, seine Mutter Henriette Albertine eine geborene Lehe. Mit Unterbrechung war Gottlob Ferdinand Bürgermeister von Kreuzburg. Freytag studierte bei Hoffmann von Fallersleben und Karl Lachmann. Da er aus politischen Gründen keine Professorenstelle bekam, wurde er zunächst als Privatdozent in Breslau tätig. Ab 1848 gab er gemeinsam mit Julian Schmidt die nationalliberale Zeitschrift „Die Grenzboten“ heraus. Seine Artikel brachten ihm u. a., daß er von Preußen steckbrieflich gesucht wurde. Er ließ sich schließlich in Siebleben bei Gotha nieder, wo ihm später von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Hofratstitel verliehen wurde.

Weiterlesen ...
   

Gustav Feytags Werke (Gutenberg Verlag)

Verzeichnis der Bände der Ausgabe "Gustav Freytags Werke", die 1927/1928 im Gutenberg-Verlag, Hamburg, erschienen ist. Die Ausgabe umfaßt 24 Bände in 12 Büchern. (Quelle: meine eigene Ausgabe)

Cover: Gustav Freytags Werke - Gutenberg Verlag

 

Gutenberg Verlag, Hambug, 1927-1928

 

 

 

 

 

Weiterlesen ...
   

In neuer Wohnung (Silvester 1874)

Vorbemerkung: Der besseren Lesbarkeit wegen wurde ein Absatz eingefügt, wo im Original nur Striche sind.

 

In  neuer Wohnung (Silvester 1874)

Die in dunkler Ecke lauern,
Kobold, Wichtel, Heinzel, Klaus!
Seid auch ihr aus alten Mauern,
Mitgezogen in dies Haus?
Alles ist hier neu und zierlich,
Darum haltet euch manierlich,
Laßt auf Sopha und auf Tischen
Bürst' und Lappen nie erwischen;
Seid verträglich in der Küche,
Achtet sehr auf Wohlgerüche,
Daß der Braten nicht verbrenne,
Nicht die Milch ins Feuer renne.
Gießet niemals Rothweinflecke,
Auf der Hausfrau Tischgedecke,
Untersteht euch nicht zu necken,
Hut und Handschuh' zu verstecken,
Gummischuhe zu vertauschen;
Und daß keiner daran denke,
Je die Gäste zu berauschen!
Aber sorgt für gut Getränke. --

Doch vor allem gebt euch Mühe,
Da hier frohes Leben blühe,
Daß den Lieben, die hier hausen,
Das Behagen  niemals fehle.
Was ihr nur vermögt zu mausen
Aus den Tiefen, in der Lust:
Farbenglanz und Blüthenduft,
Lieder aus der Vögel Kehle
Mondenlicht und Sonnenschein
Tragt in dieses Haus hinein,
Malt die Wände, Wangen, Mienen
Und erweist, daß in der Nähe
Guter Menschen gute Geister
Treu und unablässig dienen.

 

 

In die Gedenkbücher eines befreundeten Hauses
Entnommen aus: Gustav Freytag, Gesammelte Werke in 22 Bänden, Band 1, Seite 365f, 2. Auflage; Leipzig, Hirzel 1896

   

Freytag, Gustav: Die verlorene Handschrift (Rezension)

Wenn die Feder davon erzählt, ist es gering, wenn aber ein Mensch darin lebt, treibt es ihm den Strom des Blutes kräftig durch die Adern. (Band 1, Seite 105)

Cover: Die verlorene HandschriftZum Inhalt

Die „Helden“ dieser Geschichte sind der Herr Professor Felix Werner und der Herr Doktor Fritz Hahn, die auf der Suche nach einer verschollenen Handschrift des Tacitus sind. Einen Hinweis auf deren Verbleib hat der Professor in einem alten Bibliotheksverzeichnis für das nahe ehemalige Kloster Rossau gefunden. Die Verwicklungen beginnen, als der heutige Besitzer des Grundstücks seiner Tochter Ilse die Führung durch das Haus überläßt. Während der Professor zusehends nicht mehr so recht weiß, ob er wegen der Handschrift oder Ilse auf dem Gut ist bzw. dorthin zurückkehrt, gibt es da noch die Tochter Laura seines Hausherrn, des Herrn Hummel, der mit seinem Nachbarn, dem Vater des Herrn Doktor Fritz Hahn, aufs Heftigste verfeindet ist. Dann wird da auch noch ein Landesfürst eine gewisse dunkle Rolle spielen (es ist ja Mitte des 19. Jahrhunderts), von einem neidischen Kollegen ganz zu schweigen. Die Protagonisten sind also reichlich beschäftigt, bis sich alles fügen und das Rätsel der „verlorenen Handschrift“ endlich lösen wird.

 

Weiterlesen ...