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Einleitung

Vergebens sucht der Deutsche die gute alte Zeit. Auch ein frommer Eiferer, der Hegel und Humboldt als die großen Atheisten vedammt, auch der conservative Grundherr, welcher für die Vorrechte seines Standes mit den Mächten der Gegenwart hadert, sie würden, in seine der früheren Jahrhunderte zurückversetzt, zuerst ein maßloses Staunen, zuletzt einen Schauder vor ihrer Umgebung empfinden. Was sie am meisten begehren, das würde ihre Seele elend machen, und was sie jetzt gedankenlos oder grollend von unserer Bildung empfangen, es würde ihnen so fehlen, daß sie über dem Mangel vezweifelten.

Man versuche, sich in die Gefühle eines deutschen Gutsherrn zu denken, den ein Ahn seines Hauses mit starker Geisterhand in das Jahr 1560 zurückzieht. Statt des Hauses, das er sich jetzt in altdeutschem Stil, unter englischen Anlagen aufgeführt hat, würde ihn der alte Bau selbst umschließen, düster, geflickt, unwohnlich, entweder auf wasserarmer Höhe in scharfen Zug des Windes gesetzt, oder rings von übelriechendem Grabenschlamm umgeben. Zwar hat schon die dritte Generation vor jener Zeit trübe Scheiben in die kleinen Fenster gefügt, und große Kachelöfen, die mit Holzkloben aus dem nahen Walde genährt werden, halten die Winterkälte von dem Wohnzimmer ab. Aber der Raum ist enge, denn noch gilt es, ihn bei Gelegenheit gegen einen gewaltsamen Ueberfall zu vertheidigen, wenn nicht in einer Fehde mit den Bürgern der Nachbarstadt oder einem feindlichen Junker, doch gegen eine streifende Bande von Mordbrennern oder gegen zuchtloses Kriegsvolk, das auf Rache denkt, weil es vom nächsten Landesherrn um einen Theil des Soldes betrogen wurde.
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Unwohnlich und unsauber ist das Haus, denn es beherbergt außer der Familie des Grundherrn noch viele andere Bewohner, jüngere Brüder oder Vettern mit Weib und Kind, zahlreiche Knechte, darunter manch unheimlichen Gesellen mit finstrer Vergangenheit, und als erprobte Kriegsmänner auch einzelne narbige Landsknechte, um 1560 schon ruchlose Lohnsoldaten. Von dem Düngerhaufen des kleinen Burghofes tönt das Geschrei zankender Knaben, und um den Herd der großen Küche nicht weniger mißtönend das Hadern der Frauen. Die Kinder des Hauses schießen auf zwischen Pferden, Hunden und dem Gesinde, spärlichen Unterricht finden sie in der Dorfschule, dann hüten wohl die Knaben die Gänse und das Kleinvieh der Mutter, oder sie ziehen mit den Dorfleuten nach dem Wald, Holzbirnen und Pilze zu sammeln, welche zur Winterkost gedörrt werden. Die Schloßfrau selbst ist die Schaffnerin, die erste Köchin und der Arzt des Haushaltes, längst gewöhnt mit wilden und zuchtlosen Männern zu verkehren, wohl auch den Mißhandlungen des trunkenen Gatten zu widerstehen. Sie ist treu, wirthschaftlich, stolz auf Wappen, Goldkette und Goldbrocat des Hauses, sie sieht argwöhnisch auf Gewand und Schmuck der Rathsfrauen in der Stadt, welche Marder und Zobel, sammetne Kleider, Perlein im Haar und Edelsteine im Halsband nicht tragen dürfen. Sicher verklärt auch ihr Glaube und weiche Empfindung in vielen Stunden Antlitz und Geberde; aber was damals in den Häusern der Edlen, ja an Fürstenhöfen noch als züchtig und dem ehrbaren Weibe erlaubt galt in Rede und vertraulichem Scherz mit dem eigenen Mann, das müßte jetzt an der Frau des einfachen Handwerkers nicht selten als unanständig verurtheilt werden.

Das Tagesleben des Grundherrn ist ein Wechsel von Müßiggang und wilder Aufregung. Zwar die Jagd ist nicht schlecht. Wo der regellose Axtschlag nicht den Forst verwüstet hat, wachsen die alten Stämme des Waldes noch zum Urwald ineinander, selten in regelmäßige Schonungen und Schläge getheilt; noch hört man das Geheul des Wolfes in der Mitternacht; mit Spieß und Armbrust ziehen die Jäger aus gegen Raubthier, Hirsch, Reh und Schwein, zu Roß und mit den Hunden werden die Hasen im Garne erlegt, und sorglich wird auf jeden rohen Waidmannsbrauch gehalten. Aber wer in den eigenen Wald zur Jagd zieht, der mag sich noch gegen andere Feinde waffnen, als gegen Isegrim oder gegen den alten Begieter des deutschen Laubwaldes, den zottigen Bär. Denn wenig Jagdgründe gibt es, um welche nicht aler Hader mit dem nachbar oder dem Lehnsherrn hängt, Streit über die Grenzen und über das Recht der hohen Jagd. Und außer dem Nachbargrafen, der den Anspruch erhebt, mit Meute und Jagdzeug die Hirsche bis an den Fuß der Schloßmauer zu verfolgen, trotzt dem Junker auch der Bauer aus den nahen Dörfern, er, ein Todfeind der Hirsche und Schweine, die seine Saaten verwüsten, und nicht weniger Feind des Schloßherrn, der ihn schlug, in hartes Gefängniß setzte und verstümmelte, weil er auf der Wildbahn umherschlich. Nicht selten schwirrt im Waldesdunkel ein tüchtiger Bolzen, der nicht auf ein Wild angelegt war, oder ein gewappneter Haufe bricht in die Lichtung, dann beginnt unter den Menschen selbst die Jagd um Freiheheit und Leben.

Ist aber das Wild eingebracht und in dem Schloßhof zerlegt, so folgt das Gelage, endloses Zutrinken, wüstes Geschrei, selten eine Nacht, wo die Gesellschaft ohne Rausch auseinander geht. Das Trinken ist gerade zu dieser Zeit ein nationales Leiden geworden, es verdirbt Fürsten und Gutsherren, Bürgern und Landleuten die Manneskraft. Die Gäste bei Jagd und Trunk sind Standesgenossen des Gutsherrn, theils ältere Stegreifjunker, welche hinter dem Becher den Fürsten unendlich fluchen und von Reiterstücken erzählen, die sie im grünen Wald gegen das Krämervolk der Städte verübt, theils jüngeres Geschlecht, das sich gewöhnt hat den Nacken vor großen Lehnsherrn zu beugen, hochmüthig tragen diese das Barett mit vergoldeter Tresse, welches der fürstliche Hof bei einem festlichen Aufzuge seinen Dienern schenkt.

So geht es durch die Woche; am Sonntag aber ist es Pflicht, in der Dorfkirche den Prediger zu hören, vielleicht eine endlose Predigt aus der Schule des Flacius, voll Haß gegen die Calvinisten, die Päpstlichen, den Rottengeist Schwenkfeld oder selbst gegen den "Mamelucken" Melanchthon, ein fanatisches Drohen mit Hölle und Teufel, eine hoffnungsvolle Prophezeiung vom Herannahen des jüngsten Tages, oder wohl gar ein trotziger Angriff auf den Gutsherrn selbst, seinen Hochmuth, seine Völlerei und seine Kargheit gegen den Diener Gottes. - Dürftig und unregelmäßig ist der Verkehr mit der Fremde, neugierig kauft der Gutsherr vom wandernden Händler, was damals neue Zeitung hieß, wenige Quartblätter, welche bei besonderer Veranlassung in den Städten gedruckt werden und ungenaue Kunde geben von einer grausamen Schlacht, welche die Söhne des türkischen Kaisers einander lieferten, von einem besessenen Mädchen, oder wie der König von Frankreich durch einen vom Adel in den Helm gestochen worden. Zuweilen hört der Junker auf das Lied eines Bänkelsängers, der im alten Volkston ähnliche Neuigkeiten absingt, darunter das willkommenste, ein Spottgedicht auf einen benachbarten Herrn, wofür der Sänger von der Gegenpartei bezahlt und ins Land geschickt wurde. Und was im Hause am liebsten gelesen wird, das ist der astrologische Unsinn einer Prophezeiung des alten Wilhelm Friese, des Gottfried Phyller und Hebenstreit, eine Beschreibung der Augsburger Totenfeier Kaiser Karl's V., oder vom gottseligen Ende des frommen Christian, Königs zu Dänemark. Außerdem dringen noch einzelne Streitschriften auf das Schloß, die theolgischen Confutationes des unglücklichen Johann Friedrich des Mittleren von Sachsen, oder eine der zahlreichen Grumbach'schen Invectiven, und auch der Gurtsherr streitet beim Trunk eifrig für Major oder Flacius und über den Mord des Bischofs von Würzburg.

Solches Leben, eintönig und arm trotz zahlreichern Aufregung, wird zuweilen unterbrochen, wenn ein getöteter Mann in der Flur gefunden ist, oder wenn die vom Schlosse in altes Mütterlein des Dorfes bezichtigen, Hexerei getrieben zu haben. Dann beginnt ein Rechtsverfahren, im ersten Fall saumselig und gleichgültig, im andern leidenschaftlich, grausam, voll Blutdurst. Und ein Aerger fehlt dem Gutsherrn jener Zeit selten, Processe und Geldverlegenheiten. Sein Vater hatte noch im Krebs und Steigbügel auf der Landstraße das Geld zur Zahlugn seiner Schulden gesucht und in der Fehde Rache genommen für sein gekränktes Recht; jetzt erhebt sich widerwärtig über die Willkür und Selbsthilfe des Einzelnen das Recht der neuen Zeit, ein unsicheres, langsames, verkröpftes Recht, das den Mächtigen scheut, den Wohlhabenden nur zu oft begünstigt. Aber schon ist der Proceß um Mein und Dein ein aufregendes Spiel geworden, welches viel Zeit und Geld kostet und den Gutsherrn zum stillen Diener des Juristen der Stadt oder eines reichen Wucherers macht. Noch reitet der Junker im Harnisch mit Lanze und Faustrohr auf schwerem Ritterpferde, aber er ist nicht mehr übereifrig, in großem Kriege Ruhm und Beute zu suchen.
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Der bürgerliche Fußknecht mit Spieß und Feuerrohr hat ihm den Rang abgelaufen, auch auf den Pferden sitzen zuweilen leichte Reiter, nicht mehr Söhne und Knechte der adligen Grundherren; selbst im Turnier wird am liebsten nach Ring und Mohrenkopf gestochen, und wenn ja der Junkter gegen einen vornehmen Herrn in die Schranken reitet, so findet er nützlicher, sich durch diesen vom Pferde stechen zu lassen, als ihm mannhaft zu widerstehen. - Der Bauer freilich muß Vieles dulden und Vieles liefern. Die Ahnen des Gutsherrn haben ihn, auch wo er sonst frei war, zum unfreien Manne herabgedrückt, und was er zinsen muß an Getreide, Frohnden und Geld, verschlingt den größten Theil seiner Arbeit. Und doch frommt das dem Grursherrn wenig, die Landstraßen sind schlecht und unsicher, ein weites Verfahren der Frucht unmöglich, er erhält sich und seinem Haushalt das Leben, aber die baaren Ausgaben sind gering. Alles ist theuer geworden in der letzten Generation, das neue Gold, das aus Amerika nach Europa herübergefahren wird, sammelt sich in den großen Handelsstädten, aber es kommt weniger daovn auf sein Gut, als er für sich und seine Familie zum standesgemäßen Schmuck gebraucht.

Eigensinnig steht er auf allem, was er für sein Recht hält, und sucht seinen Vortheil bald im Anschluß, bald in Widerspenstigkeit gegen seinen Gutsherrn. Im Gefolge desselben zieht er auch wohl zu einem Reichstage, er arbeitet eifrig unter den Ständen seiner Landschaft gegen die Auflage neuer Steuern, aber ein warmes und stätes Gefühl für sein Land hat er nicht. Er fühlt sich deutsch nur im Gegensatz zu Italienern und Spaniern, die er haßt, und er sieht mit eigennützigem Interesse auf Frankreich, dessen König die verruchten Calvinisten durch die neue Feuerkammer verbrennt, aber deutsche Lutheraner um gutes Geld zu werben weiß. Auch die Landschaft seiner Heimat ist keine politische Einheit, der Staatsbau seines Lehnsherrn ist noch ein schwaches Gerüst, seine Treue und Anhänglichkeit sind nur zufällig; dauerhaft und fest ist nur der Egoismus seines Standes. Ein nackter, häßlicher Egoismus, der ihn kaum noch zu verwegener That treibt, nicht einmal zu festem Anschluß an seine Standesgenossen. Nur in einzelnen Stunden adelt ihm das Gefühl einer bevorzugten Stellung die Sprache, Haltung und That; aber seine Bildung, sein Verständniß der Welt, ja sein Pflichtgefühl und seine Redlicheit sind nicht größer, als jetzt etwa bei einem rohen Fuhrmann oder Roßhändler.

 

Anmerkung: Der besseren Lesbarkeit wegen wurden einige Absätze eingefügt, wo im Original keine sind. Diese sind durch einen "." in der Leerzeile zu erkennen.

Entnommen aus: Gustav Freytag, Gesammelte Werke in 22 Bänden, Band 17, Seite 1 - 7, Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1897, 2. Auflage