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Ueber den Antisemitismus. Eine Pfingstbetrachtung

 

Der feierliche Glockenton des Pfingstfestes schallt durch ein Luftmeer, welches mit Sonnenstrahlen und Blüthenduft erfüllt ist. Jetzt klingt und singt, was die Menschen fröhlich macht, die Seelen aus winterlichem Bangen und öder Beschränkung erlöst. Mit tausend Reizen lockt die Pracht der Natur hinaus in die blaue Ferne. Und der eherne Ton der Glocken mahnt, daß das bedrängte Herz der Reise gedenke, denn das hohe Kirchenfest ist nicht durch Zufall zugleich ein Fest des Wonnemonds.

 

Es war zur Römerzeit, vielleicht in den letzten Lebensjahren des Kaisers Tiberius, da zog eine Anzahl Männer aus den Thoren Jerusalems in die weite Welt. Sie thaten nach dem Gebote ihres Meisters: "Geht in die Welt und lehret alle Völker." Wenn ein germanischer Krieger, den sein Schicksal im römischen Dienste nach dem Osten verschlagen hatte von dem Mauerthurm auf sie hinabsah, so mochte er denken: diese dort haben große gekrümmte Nasen, ihre Beine stehen anders in den Hüften als bei uns hochgegürteten Germanen, und wenn sie die Hände im Eifer regen, spreizen sie die Finger, ärmliche kleine Juden! Aber diese Wanderer haben als Boten der Gotteslehre dem Menschengeschlecht neuen Inhalt, neues Heil, die Bürgschaft einer beglückenden Zukunft gegeben.

Zum Gedächtniß an sie und ihre Ausfahrt begeht in diesen Tagen die gesammte Christenheit eines ihrer heiligsten Kirchenfeste; Millionen knieen um die Altäre und flehen in heißer Sehnsucht, daß die Apostel segnend über ihrem Leben walten. Auch Solche, welche vor den Altären ungerne die Knie beugen, empfinden in Ehrfurcht, daß jene armen Wanderer den Völkern der Erde die edelste Gottesgabe zugetragen haben, als sie die neue Lehre verkündeten: "Liebet eure Feinde, thut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen."

Noch heute leben unter unseren Mitbürgern Viele, die ihr Geschlecht von demselben Volksthum herleiten, aus welchem die Apostel hervorgegangen sind, und die sich zu demselben Gottesglauben bekennen, aus dem das Christenthum heraufgewachsen ist. Aber sie, die jetzt unsere Volksgenossen geworden sind, werden wegen ihrer Herkunft und dem alten Glauben von Anderen verfolgt, die sich rühmen, echte Enkel der alten Germanen zu sein.

Es ist nicht möglich, über solche feindselige Aufregung etwas Neues zu sagen. Denn Fürsten und Staatsmänner, Gelehrte und Gebildete aller Stände haben sie verurtheilt; dennoch sei es gestattet, gerade in diesen Tagen an Vergessenes aus alter Zeit zu erinnern.

Was jetzt mit aufgebauschtem Namen die "antisemitische Bewegung" genannt wird, ist in Wahrheit noch das alte Leiden, die Judenhetze, wie sie seit dem großen Mainzer Morde immer wieder aufgeregt wurde, nur in ihren Aeußerungen durch die Zeitbildung anders geformt. Jene früheren Verfolgungen hatten scharfen Verlauf, die Juden wurden beraubt und erschlagen oder zur Annahme des Christenthums gezwungen; die moderne Verirrung enthält sich, wie in unserer Zeit selbstverständlich ist, Raub und Mord zu empfehlen; dafür ist sie nach anderer Richtung weit grimmiger und unversöhnlicher, denn sie durchsucht bis in irgend welche Vorzeit hinein sogar die Stammbäume der Christen und erklärt auch eine Bekehrung zum Christenthum und die Einordnung getaufter Juden in das christliche Familienleben als Unehre und als einen Makel für die Nachkommen aus solchen gemischten Ehen. Dies Auffassung hält sowohl den Mangel an deutscher Gesinnung als die Neigung zu wucherischen Geldgeschäften für eine untilgbare Eigenthümlichkeit jüdischer Herkunft, welche auch unter ganz veränderten Verhältnissen in den späteren, zum Christenthum bekehrten Generationen fortwirkt.

Solch thörichte Annahme verdient keine Widerlegung.